Ich fotografiere. Unterwasser. Leidenschaftlich! Natürlich benutze ich meine Kamera auch über Wasser, aber bei weitem nicht so intensiv wie in den Weltmeeren und Seen. Meine Reiseziele suche ich mir – wie könnte es anders sein – auch nach möglichst interessanten Tauchgebieten aus. Ganz oben auf meiner Wunschliste stand deshalb schon seit langem Island.

Auf einem Kurztrip nach Reykjavik vor einigen Jahren hatte ich den isländischen Tauch- und Tourguide David Sigurthorsson kennengelernt. Mit ihm konnte ich bereits Silfra betauchen. Das ist die mittlerweile weltberühmte Spalte zwischen der eurasischen und amerikanischen Kontinentalplatte mit Sichtweiten von über 60 Metern. Damals erzählte mir David von einer 10-tägigen Rundtour über Island. Dabei würden wir Tauchplätze anfahren, an denen bislang nur sehr wenige Menschen gewesen wären. Das reichte mir, um Feuer und Flamme zu sein. Ein paar Jahre später war es dann endlich so weit.

„Wow, da werden wir wohl einen Anhänger brauchen“, das sind die ersten Worte von David, als er uns vor unserem Hotel abholt. Und er hat Recht! Trockentauchanzüge mit dreilagigen Unterziehern, Regenkleidung, Weitwinkel und Makroausrüstung für Unterwasser, Stative, Filter und schließlich noch eine Drohne – es ist schon wahnsinnig, was wir für anderthalb Wochen mitnehmen. Insgesamt sind wir acht Taucher und Taucherinnen. Da kommt auch Davids geräumiger Van an seine Grenzen, zumal wir auch die Tauchflaschen mitnehmen müssen. Füllstationen sind außerhalb der Hauptstadt Reykjavik nun einmal nicht weit verbreitet.

Erster Halt: Zwischen den Kontinenten

Erste Station ist ein Wiedersehen mit dem bekanntesten Tauchspot von Island: Silfra. Mittlerweile ist sie eine echte Berühmtheit. Täglich zieht es mehrere Hundert schnorchelnde und tauchende Besucher hierhin. Sie alle wollen sich dem atemberaubenden Lichtspiel in zwei Grad kaltem Wasser hingeben.

Jahrtausende altes Gletscherwasser füllt diese Spalte und ermöglicht eine Sicht, die fast an die 80 Meter heranreicht. Für einen Unterwasserfotografen hört sich das erst einmal gar nicht so spannend an. Wasser, das man nicht sehen kann, klingt nicht unbedingt nach einem tollen Motiv. Doch weit gefehlt! Die Farben in der Spalte sind einfach umwerfend. Der bräunlich-gelbe Fels wechselt sich ab mit dem Wasser, dass wegen der Farb-Extinktion in der Distanz erst grünlich, dann aquamarine und schließlich blau schimmert.

David kennt die Bedürfnisse von uns Unterwasserfotografen gut. In einer engen Felsspalte brauchen wir die Sonne im Zenit, sonst ist es zu dunkel. Was wir leider überhaupt nicht gebrauchen können, sind die Heerscharen an Schnorchlern an der Oberfläche. Also timen wir unseren Tauchgang genau. Mittags gegen zwei Uhr steigen wir in unsere Trockentauchanzüge und machen uns fertig. Geduldig warten wir einen Moment ab, in dem möglichst wenige Menschen vor uns im Wasser sind.

Der erste Abschnitt unseres Tauchgangs führt durch den engsten Abschnitt von Silfra. Hier kann man mit der einen Hand Europa und der anderen Amerika berühren. Nur lässt sich das auf keinem Foto später erkennen. Das muss man einfach wissen. Natürlich wollen alle Touristen ein Erinnerungsfoto, in dem sie gleichzeitig den amerikanischen und den eurasischen Kontinent anfassen – unterwasser! Auch ich habe mich bei meinem ersten Besuch von meiner lebenslangen Reisebegleitung entsprechend ablichten lassen. Was sein muss, muss sein!

Dann geht es über einige Flachpassagen in einen breiten Bereich, den die Isländer die „Kathedrale“ nennen. Er ist hell und lichtdurchflutet und bietet sich für Modellfotografie an. Auch der Blick zurück lohnt sich. Hier sieht man die Felswände, die durch ihre Größe schon eher die Naturgewalten erahnen lassen, die hinter der Kontinentalverschiebung wirken.

Schließlich biegen wir nach links ab – und kommen in die „Lagune“. Ich blicke in ein breites, nicht allzu tiefes Becken und denke: „Ja, das sind Sichtweiten“. Denn die Lagune hat in ihrer längsten Ausdehnung fast neunzig Meter. Ich glaube es kaum: Ich kann wirklich von einem bis zum nächsten Ende schauen. Ich staune über die Sichtweite und freue mich über die perfekte Spiegelung an der Oberfläche. Gut, dass ich ein Superweitwinkelobjektiv aufgesetzt habe. Diesen Eindruck von Weite muss ich einfach festhalten.

Zeit für Experimente

Gut eine halbe Stunde sind wir jetzt in dem nur zwei Grad warmen Wasser. Die Kälte kriecht nun merklich in meinen Anzug und meine Finger werden langsam steif. Da gibt mir David ein Zeichen: noch einmal umkehren und zur Cathedral tauchen. Dort signalisiert er mir, an die Oberfläche aufzusteigen. „Möchtest Du nicht ein paar Halb-Halb-Aufnahmen machen? Ich bin Dein Modell.“ Sagt’s und taucht wieder in die eisigen Tiefen ab.

Ich bin David dankbar. Denn er hat vollkommen Recht. Die Landschaft überwasser hat auch einiges zu bieten. Der Herbst hat die Landschaft in warme Braun-, Orange- und Rottöne eingekleidet. Zusammen mit dem Blau, dem Aquamarine und dem Grün der Unterwasserwelt ergibt das die ganze Bandbreite der Farbpalette. Einzig der Wind macht mir die Arbeit etwas schwer. Eine ruhige Oberfläche sieht anders aus.

Eine Viertelstunde zusätzliches Frieren sind mir diese Aufnahmen locker wert. Dann schwimmen wir endlich zurück in die Lagune Richtung Ausgang. Denke ich zumindest. Doch da habe ich die Rechnung ohne David gemacht. Das ganze weite Rund des Ausgangsbereichs ist nun menschenleer. David posiert für mich in den verschiedensten Haltungen. Das klare Wasser und die Oberflächenspieglung verleiten uns dazu, Kopfüberaufnahmen zu machen.

Nach einer Stunde ist es dann endlich gut. David und ich erklimmen die Leiter am Ausgang. Die Muskeln sind ausgekühlt und das Anheben unserer Flaschen fällt ungewohnt schwer. Aber es hilft nichts, wir müssen die gesamte Strecke, die wir getaucht sind, zurück zum Parkplatz laufen. Das hat aber auch sein Gutes. In den Verschnaufpausen fällt uns erst auf, wie stimmungsvoll sich die Umgebung des Þingvellir Nationalparks präsentiert. Nicht nur die Herbstfärbung verschlägt uns fast den knappen Atem, auch der Himmel ist in Struktur und Färbung jetzt wunderbar dramatisch. Ich will micht beeilen, um meine Kamera für Landschaftaufnahmen zu holen. David hält mich zurück. Hier hoch im Norden dauert der Sonnenuntergang mehrere Stunden. Wir haben also reichlich Zeit, um uns umzuziehen, einen heißen Kakao zu genießen und dann in aller Ruhe unsere Fotos zu kreieren.

Bis jetzt läuft unsere Reise genauso wie ich es erwartet habe. Eine kleine Gruppe begeisterter Taucher und Unterwasserfotografen stürzt sich in abenteuerliche Gewässer und freut sich über traumhafte Fotomotive. Unsere Reiseziele versprechen immer noch Top-Taucherlebnisse. Ein geothermaler Schlot im offenen Meer, weiteres Tauchen zwischen den Kontinentalplatten, Wracktauchen und Kaltwasserspots mit reichlich marinem Leben. Doch unsere Fixierung auf Unterwasserfotografie wird sich in den nächsten Tagen noch ändern. Die Reise dorthin wird zum Ereignis der ganz eigenen Art.

Fortsetzung folgt.

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