Wer über Island fährt, den erwarten vulkanische Landschaften auf einer geologisch sehr jungen und immer noch ausgesprochen aktiven Insel. Unsere Fahrt in den Norden führt auch uns an ausgedehnten Lavafelder mit augenfälligen Felsformationen vorbei. Im raunassen Wetter wechselt sich Regen und gleißender Sonnenschein in rascher Folge ab. Tiefstehende Sonne, Dunst und karge Landschaft ergeben eine ganz besondere Stimmung. Gut, dass wir als Unterwasserfotografen immer ein gutes Weitwinkelobjektiv dabeihaben. Solche Landschaften wollen fotografiert werden.

Als wasseraffinen Fotografen ziehen mich natürlich die gewaltigen Wasserfälle der Insel in ihren Bann. Es gibt sie in allen Größen und Formen: von mächtigen, breiten bis zu hohen und schmalen. Mit Stativ und Filter ausgestattet versuche ich mich in Langzeitaufnahmen. Schließlich fasse ich mir noch ein Herz und packe die Drohne aus. Jetzt bloß nicht zu nahe heranfliegen, die Aufwinde und die Gischt können dem Fluggerät schnell gefährlich werden. Aber an den kleineren Wasserfällen macht das Fliegen einfach zu viel Spaß.

Unser Ziel im Norden der Insel heißt Eyjafjörður. Das ist ein zirka 60 km langer Fjord, der ein echtes Geheimnis birgt: Weiße Raucher. Der Isländer Erlendur Bogason hat sie vor gut 20 Jahren für uns Taucher entdeckt: geothermale Schlote, wie sie sonst nur in der Tiefsee vorkommen. Für mich war das schon seit langem ein Phänomen, das ich unbedingt mit eigenen Augen sehen wollte. Entsprechend groß ist meine Aufregung, jetzt, da wir auf dem Schlauchboot sitzen und quer über den Fjord fahren.

Rauchende Schlote

Von der Oberfläche aus ist nichts zu sehen. Nur eine Boje markiert mittlerweile die Stelle und verhindert so, dass sich Fischernetze an der gewaltigen geologischen Formation verfangen und diese beschädigen. Auch auf den ersten zehn Metern auf unseren Weg in die Tiefe können wir kaum erahnen, welches riesige Gebilde uns dort unten erwartet.

Langsam wird mir klar: Fotografisch ist dies eine unmögliche Aufgabe. Die Ausmaße des Schlotes sind gewaltig. Er steigt über 70 Meter aus der Tiefe empor – unmöglich dieses Monstrum auf den Sensor zu bannen, nicht bei Sichtweiten von gerade einmal 10 Metern. Hier bräuchte es ein zusammengesetztes Bild aus vielen Einzelaufnahmen. Doch dafür habe ich weder die Zeit noch die passende Ausrüstung dabei.

So genieße ich einfach das Naturschauspiel. Aus dem Schlot strömt ca. 70 Grad warmes Wasser. Die Schlieren sind gut zu sehen. Nur einen kurzen Moment bin ich mit meiner Kamera beschäftigt und schon gerate ich in die warme Aufwärtsströmung. Ehe ich mich versehe werde ich Richtung Oberfläche mitgerissen.

Es dauert einige Zeit, bis ich meine Mittaucher wiedergefunden habe. Ab jetzt bin ich vorsichtiger und assistiere den Filmemachern der Gruppe. Sie sind hellauf begeistert davon, das strömende Heißwasser aufnehmen zu können. Als Fotograf etwas ernüchtert, als Reisender und Taucher hingegen restlos begeistert, beginne ich den Aufstieg zurück auf das Boot.

Auf unserer Schlauchbootfahrt quer über den Fjord begegnen wir noch einer ortsansässigen Buckelwalfamilie. Schnorcheln und Tauchen mit den gigantischen Meeressäugern ist auf Island erlaubt. Leider ist die See ein wenig rau und die Sicht recht schlecht. So verzichten wir darauf, uns in die kalten Fluten zu stürzen und genießen das Schauspiel von der Oberfläche aus. Vielleicht ergibt sich ja ein anderes Mal die Möglichkeit.

Fotografisch wird es beim nächsten Tauchgang wieder interessanter. Denn neben dem Großen Weißen Raucher verstecken sich unter dem Meeresspiegel noch mehrere Austrittsstellen für das geothermale Heißwasser. David berichtet uns von „Klein-Strytan“. Hier türmt sich zwar kein ganz so großer Schlot auf. Dafür tummelt sich das nordatlantische Meeresleben: Seewölfe, Kabeljau, Seeanemonen, dazu diese außergewöhnlichen geologischen Strukturen und das flimmernde Heißwasser – jetzt kommt der Unterwasserfotograf in mir voll auf seine Kosten.

Die Seewölfe erweisen sich als ausgesprochen zutraulich. Normalerweise leben sie gut geschützt in Felsspalten und kommen nur hervor, wenn sie ihre Lieblingsspeise fressen: Muscheln, Seeigel und Seesterne. Hier haben aber scheinbar schon einige Taucher „Geschenke“ mitgebracht, so dass die Tiere in freudiger Erwartung den Kontakt suchen.

Mich freut es. Allzu häufig komme ich nicht dazu, die Interaktion zwischen Mensch und Tier in einer solch außergewöhnlichen Umgebung fotografieren zu können.

Der Tauchgang geht viel zu schnell zu Ende. Hier könnte ich mich noch viele Stunden aufhalten. Wie gerne würde ich auch einmal mit meiner Makroausrüstung hier ins Wasser springen. Ohne intensiv zu suchen, habe ich bereits mehrere Nacktschnecken und Krebse entdeckt, mit denen ich mich gerne länger beschäftigt hätte. Aber es bleibt mir leider keine Zeit, denn es warten noch mehr vielversprechende Tauchgänge auf uns.

Mindestens genauso freue ich mich aber auch auf die Landschaft Islands, die uns noch erwartet. Es trifft sich gut, dass wir zu einer besonderen Zeit unterwegs sind. Kurz vor den ersten Schneefällen werden die Schafe zusammengetrieben. Über eine halbe Million gibt davon in dem Inselstaat mit gerade einmal etwas über 300.000 Einwohnern. So sehen wir immer wieder hünenhafte Isländer auf ihren kleinen Pferden, die eine Herde Wollknäuel vor sich hertreiben.

So beschaulich es auch aussieht: Die Islandschafe sind mit ein Hauptgrund dafür, dass die Insel weitestgehend ohne Waldbestand ist. Zusammen mit den freilaufenden Pferden halten sie den Bewuchs niedrig. Als Fotograf liebe ich diese stimmungsvolle Kargheit der Landschaft. Die Biologen in unserer Gruppe habe dazu deutlich gemischtere Gefühle.

Für mich ergeben sich aber immer wieder wunderbare Ausblicke auf eine Landschaft, die von den Urkräften der Erde geformt wurden. Mir ist, als könne ich noch die rohe Gewalt spüren, mit welcher der Mittelatlantische Rücken auseinander reisst, seine Lava ausspeit und damit dieses Stückchen Land inmitten des unendlichen Nordatlantiks geschaffen hat. Das weiche Licht der tiefstehenden Herbstsonne verwandelt diese urtümliche Szenerie in einen Ort der Sehnsucht. David erzählt uns, wie sehr sich das Land im Laufe der Jahreszeiten verwandelt. In ein bis zwei Wochen kann hier schon alles in ein weißes Schneegewand gehüllt sein. In einer klaren Nacht erleuchten grünliche Polarlichter die Felsen und Seen. Und Sonnenauf- und -untergänge tünchen die Insel in satte Orangetöne. Hätten wir doch bloß mehr Zeit!

Fortsetzung folgt!

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