15. Dezember 2018

Als reisender Unterwasserfotograf erlebt man viele verrückte Abenteuer: Tauchen mit Weißen Haien in Südafrika, die Suche nach Sardinenschwärmen an der Regenwaldküste von Kolumbien, Schnorcheln inmitten von Millionen von Quallen in einem Salzwassersee in der Südsee. „Was um Himmels Willen mache ich hier eigentlich?“ die Frage habe ich mir aber nie so intensiv wie in Europa gestellt. Genauer gesagt: Um Mitternacht inmitten eines Fjordes in Norwegen, tief im Winter.

Es ist Januar und wir sind mit einer kleinen Gruppe Unerschrockener im Lurefjord nördlich von Bergen unterwegs. Meeresbiologen, Journalisten und Unterwasserfotografen aus Deutschland, Italien, Frankreich und Norwegen. Wir alle haben den Schlaf in unseren Augen, die Kälte steigt uns an den Beinen hoch, obwohl wir dicke Unterzieher in unseren Trockentauchanzügen tragen. Gebannt schauen wir auf ein kleines blinkendes Licht im Wasser. Unter uns vierhundert Meter eiskalter norwegischer Fjord. Die Nacht ist pechschwarz und wir allen hoffen inständig: „Keinen Schnee, bitte jetzt keinen Schneefall.“ Das würde alles zunichte machen.

Bereits zwei Tage zuvor sind wir in der Hafenstadt Bergen angekommen. Nur knappe zwei Flugstunden von Deutschland entfernt haben wir eine Fähre bestiegen und die Aussicht auf eine der schönsten Küsten der Nordsee genossen. Mit seinen vielen vorgelagerten Inseln und Fjorden präsentiert sich Norwegen auch im Januar von einer seiner schönsten Seiten. Einmal noch das Schiff wechseln, dem Käpten sagen, er möge für uns doch bitte einen Extrastopp einlegen und schon werden wir direkt vor dem Hausriff des verschneiten Gulen Dive Ressorts von Bord gelassen. Es ist stockdunkel und kalt und wir freuen uns, dass in einem der umliegendem Häuser noch Licht brennt.

Bekannt ist diese Tauchregion vor allem für ihre Wracks und ihr reichhaltiges Makroleben. Wir aber haben es auf ganz etwas anderes abgesehen. Wir suchen nach Bewohnern der Tiefsee, die hier bei Neumond an die Oberfläche kommen. Manchmal vereinzelt, manchmal auch in schier unglaublicher Masse. Naturphänomen oder menschengemachte Veränderung eines Ökosystems? Keiner weiß es so genau.

Norwegische  Vielfalt

Bevor es aber soweit ist, erkunden wir aber die Unterwasserwelt der Umgebung. Eine Bucht ist bekannt für ihre Rochenpopulation. Es braucht auch nicht lange, bis wir einige freundliche Exemplare vor unsere Linsen bekommen. Eine gute Gelegenheit, schon einmal unsere Fotoausrüstung auszuprobieren. Auch während des Tages haben wir auf 12 Metern Tiefe nur Dämmerlicht. Unsere Pilotlichter und Blitze funktionieren gut. Heute Nacht werden wir sie auf jeden Fall gebrauchen können.

Fotografisch widerstrebt es mir eigentlich, mein Reiseziel nur nach einem einzelnen Motiv auszusuchen. Um so gespannter bin ich, ob sich der Aufwand lohnt. Also lausche ich um Mitternacht gespannt dem Instruktionen unseres Kapitäns. Er hat eine Boje mit einem 30 Meter langen Seil in das Freiwasser abgelassen. Oben, auf 15 Metern und am unterem Ende sind jeweils Blinklichter angebracht. Diese dienen uns zur Orientierung. Inmitten des schwarzen Nichts auf Fotojagd ist es leicht, den Tauchcomputer aus den Augen zu verlieren. Auch an der Oberfläche ist höchste Konzentration gefragt. In einer mondlosen Nacht ist es für die Bootcrew nicht ganz einfach, die Taucher an der Oberfläche wiederzufinden. Sollte Schneefall einsetzen, müssten wir wegen der schlechten Sicht sofort abbrechen. Aber das Wolkenradar gibt Entwarnung: In den nächsten zwei Stunden sollte alles gut gehen.

Einer nach dem Anderen von uns gleitet in das Wasser. Ein paar Flossenschläge und wir sind an unserem Orientierungspunkt angekommen. Ich schaue nach unten: Nichts, gähnende Leere. Langsam sinke ich auf 15 Meter. Eine unglaubliche Stille umschließt mich. Nur vereinzelt höre ich die Lungenautomaten meiner Mittaucher durch meine dicke Kopfhaube. Wir warten und schauen uns um. Immer noch nichts. Im Augenwinkel bemerke ich das Blitzlicht der anderen Fotografen. Ich drehe mich um und da sehe ich sie: Ein urtümliches Wesen, vielleicht 20 Zentimeter groß, erstrahlt es im Lichtkegel unserer Tauchlampen orange-rötlich. Zwölf Tentakel ragen aus seinem kronenförmigen Kopf. Der ist zu allem Überfluss auch noch milchig-durchsichtig. Unrealer kann ein Meeresbewohner kaum aussehen. Und dann der Name: Periphylla periphylla, die große Kronenqualle.

Normalerweise leben die urtümlichen Quallen in der Tiefsee. Hier in diesem engen, in seinem Zufluss begrenzten Fjord haben sie sich in den letzten Jahrzehnten schlagartig vermehrt. Ob dies die Konsequenz von der intensiven Lachszucht ist, die hier betrieben wird, oder vielleicht auch durch die europaweit größte Raffinerie ganz in der Nähe beeinflusst wird, darüber sind sich die Wissenschaftler nicht schlüssig. Auch ein natürliches Phänomen schließen sie nicht aus, eben sowenig wie die Überfischung von natürlichen Fressfeinden. Die lokalen Fischer waren die ersten, die von den Veränderungen im ökologischen Gleichgewicht Notiz nahmen. Anstatt wertvollen Speisefisches landete eine große glibberige Masse aus hunderttausenden Quallen in ihren Netzen. Sie versuchten aus der Not eine Tugend zu machen. Doch trotz einiger Forschungsprojekte ist heute eine wirtschaftliche Verwertung der neuen Herrscher des Fjords noch nicht gefunden.

Überwasser lässt nichts auf die massiven Veränderungen schließen, die sich durch die Invasion der Tiefseebewohner vollzieht. Schneebedeckte Fjorde in wunderbar weichem nordischen Winterlicht bilden die perfekte Kulisse für unsere Tauchgänge während des Tages. So fahren wir zu mehreren Wracks, die zum Teil noch aus den unrühmlichen Zeiten des Zweiten Weltkriegs stammen. Fotografisch stellen sie mich vor ganz andere Aufgaben als die Periphyllas im nächtlichen Schwarzwasser. Mit ziemlich spärlichen Umgebungslicht des norwegischen Winters ist es nicht ganz leicht, sie gut in Szene zu setzen. Da bleiben fast nur Detailaufnahmen. Nun gut, zusammen mit dem reichlich vorhandenen Kelp sowie wunderbarer oranger und weißer Anemonen ist das auch ganz reizvoll.

 

Manche bleiben lieber unten

Insgeheim hatte ich darauf gehofft, einen Eindruck der massenhaften Vermehrung auch fotografisch festhalten zu können. In dieser Nacht aber sehen wir nur vereinzelte Exemplare. Kronenquallen sind lichtempfindlich. So steigen die Tiefseebewohner auch gewöhnlich nur bei absoluter Dunkelheit in Richtung Oberfläche auf. Tief unter uns müssen noch schier unvorstellbare Mengen von ihnen sein. Aber sie alle bleiben außerhalb der Reichweite von uns Tauchern. So gebe ich mich ganz der Faszination dieser skurrilen Tiere hin. Der schwarze Hintergrund auf meinen Aufnahmen ergibt sich ganz von selbst. Es ist so gut wie kein Umgebungslicht vorhanden! So gilt es, die Quallen in möglichst unterschiedlichen Perspektiven aufzunehmen. Ein Taucher im Hintergrund hilft, die Größenverhältnisse zu verdeutlichen.

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Die Zeit vergeht unglaublich schnell. Kaum haben wir begonnen, uns intensiver mit unseren Fotomotiven auseinanderzusetzen, ist die verabredete Tauchzeit auch schon wieder vorbei. Also tauchen wir langsam wieder auf und kehren zurück an Bord. Das ist auch gut so! Die Schneewolken kommen bedrohlich näher und der Rückweg zur Dive Ressort dauert auch noch fast zwei Stunden. So ist es fast drei Uhr morgens, bis wir uns endlich in unsere warmen Bettdecken kuscheln können.

 

 

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