15. November 2018
Was tun, wenn man als Unterwasserfotograf einen knappen Monat Zeit hat, irgendwo seiner Leidenschaft nachzugehen? Wohin reisen? Nach Ägypten ins Rote Meer? Klar, warum nicht. Südostasien für tolle Makroaufnahmen? Auch gut. Mexiko mit seinen Höhlen oder tollen Hochseetauchplätze? Immer eine gute Wahl. Mein Herz schlug in diesem Sommer aber für ein ganz anderes Ziel: Kanada. Genauer gesagt: die Smaragdsee bei Vancouver Island an der Westküste des zweitgrößten Landes der Welt.

Farben und Formen wohin das Auge blickt, kristallklares Wasser und eine überbordende Vielfalt von verschiedensten Lebewesen. Das ist für mich ein echtes Traumziel. Einzige Voraussetzung: Ein Trockentauchanzug. Denn meine Reise geht in ein Kaltwassergebiet mit Weltklasse. Ja, von Jaques Y. Cousteau wurde es als eines der 10 besten Tauchgebiete überhaupt ausgezeichnet. Trotzdem findet es in der europäischen Tauchergemeinde noch lange nicht die Beachtung, die es verdient.

Wer ein wenig Recherche betreibt, stellt schnell fest: Es gibt erstaunlich wenige Tauchbasen. An unserem Ziel, dem Browning Pass im Norden der Insel, selber nur zwei. Beide davon für lange Zeit im Voraus ausgebucht und teilweise auch schwer zu kontaktieren. Doch wir hatten Glück. Im Browning Pass Hideaway erinnerte man sich an uns und hatte noch Plätze frei.

Das Hideway ist kein Tauchresort im klassischen Sinne, sondern vielmehr ein Tauchcamp mit schwimmenden Häusern in einer geschützten Bucht auf Nigei Island. Betrieben wird es von John de Boeck, einer echten Taucherlegende, der den Norden von Vancouver Island seit bereits 40 Jahren betaucht und deshalb kennt wie kaum ein anderer.

Nach einer ziemlich abenteuerlichen Überfahrt vom kleinen Städtchen Port Hardy wird schnell klar: Hier bist Du sehr weit ab vom Schuss. Kein Internet, keine Mobilfunknetz, Strom nur, wenn der Generator läuft. Ansonsten Wasser, Bäume und reichlich Natur. Für mich bedeutet das Konzentration auf das Wesentliche: Tauchen und Fotografie.

Gleich am ersten Morgen geht es los. Fotoausrüstung zusammenbauen, rein in den Trocki und rauf aufs Tauchboot. Nach nur 15 Minuten sind wir schon am ersten Tauchplatz „The Overhang“. Und wir staunten nicht schlecht: Sichtweite zwischen 20 und 30 Meter. In den oberen 10 Meter dichter Kelpbewuchs, darunter bunte Anemonen und imposante Felsformationen. Hier, so sagt uns John, sollten wir in den Spalten nach den riesigen Kopffüsslern Ausschau halten. Denn diese verstecken sich gerne in Spalten und Nischen. „Wir nennen ihn hier auch den Cracktopus.“ Ein Wortspiel aus dem Englischen „crack“ für Spalte und „Octopus“ für Kraken. „Eines ist sicher“, gibt uns John noch mit auf den Weg: „Sie sind da unten. Und sie sehen Euch. Das heißt aber lange noch nicht, dass ihr sie seht“.

Er soll recht behalten. Die Tarnkünstler bleiben unseren Augen verborgen. Dafür entdecken wir aber eine andere erstaunliche Kreatur: Den decorated warbonnet, oder auf Deutsch Dekor-Stachelrücken, einer der außergewöhnlichsten Fische, die ich bislang gesehen hatte. Ein länglicher, gestreifter Fisch, der aussieht, als hätte er ein ganzes Weihnachtsgesteck auf dem Kopf. Ein, zwei schnelle Aufnahmen gemacht und schon war er wieder weg.

Noch habe ich mich nicht ganz an diese bizarre Erscheinung gewöhnt, da stoße ich auch schon auf die nächste merkwürdige Kreatur: eine Puget Sound King Crab, ein Krebs von gewaltigem Ausmaß, mit klobigen Scheren, der kaum erahnen lässt, wo vorne oder hinten bei ihm ist. Am meisten beeindrucken aber seine Farben.

Doch was mich am stärksten in den Bann zieht, sind die Farben. Das Wasser ist nicht blau oder türkis. Es ist grün. Ein wunderbares, sattes Smaragdgrün, dass die Welt unter Wasser in eine ganz eigene Stimmung taucht. Überhaupt scheint die ganze Insel grün zu sein. Unendliche Nadelwälder an Land, Kelpwälder im Meer und immer wieder dieses Wasser.

Die ganze Natur ist wie eine einzige Schattierung von Grün – wäre da nicht diese schiere Farbexplosion in der Tierwelt. Anemonen in Weiß, Orange, Rot und Gelb. Seesterne in Blau und Lila. Fische und Nacktschnecken in allen nur erdenklichen Mustern und Formen. Es fällt schwer, sich dieser Faszination zu entziehen. Und wozu auch? Das Fotografenherz schlägt höher, mit jeder Minute, die ich im Wasser verbringe.

 

Kaum an der Oberfläche, überrascht mich John mit einer ganz anderen Entdeckung: Wölfe. Eine Rüdin mit ihren Jungen patrouilliert an der Küste. Etwa 250 von ihnen leben auf Vancouver Island, einem Gebiet ein Zehntel so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Obwohl wir sehr leise sind, verschwindet die Kleinfamilie bald wieder im dichten Wald. Trotzdem, solch ein Erlebnis hatte ich noch nirgendwo anders nach dem Tauchen.

Sofort lerne ich, immer eine zweite Kamera mit Teleobjektiv griffbereit an Bord zu haben. Denn hier gibt es noch viel mehr zu sehen: amerikanische Seeadler sitzen in den Bäumen und Otter können jederzeit an der Wasseroberfläche auftauchen.

Aufgewärmt mit Kaffee und heißer Schokolade geht es zurück ins kalte Wasser. Unser Ziel dieses Mal ist die weltbekannte Browning Wall. Diese Felswand ist fast eine halbe Seemeile lang und fällt mehrere hundert Meter senkrecht in die Tiefe. Über und über ist sie mit Anemonen bewachsen, die von der teils starken Gezeitenströmung mit ihrem reichhaltigen Nahrungsangebot profitieren. Beim ersten Anblick bin ich zugleich beeindruckt und enttäuscht.

Das reine Ausmaß der Wand ist gewaltig. Nur von Farbeinvielfalt ist nichts zu sehen. Scheinbar Millionen weiße Anemonen verleihen dem Ganzen einen doch eher monotonen Anstrich. Meine Ernüchterung weicht sofort, als ich mich der Wand nähere. An allen Stellen lebt und bewegt sich es. Einsiedlerkrebse, perfekt getarnte Garnelen und an die Anemonen angepasste Fische, alles hier folgt dem ewigen Spiel von Täuschen und Tarnen. Nur den Meister der optischen Verwirrung, das Weichtier mit den charakteristischen acht Armen, ist einfach nicht zu finden. Wie sagte John? „Sie sehen Dich, aber Du siehst sie nicht.“

Trotz dicker Unterzieher macht mir die Kälte dann doch irgendwann zu schaffen. Wir kehren zum Boot zurück und machen uns auf den Rückweg zum wärmenden Hideaway. So ist zumindest der Plan. Bis einer der freiwilligen Helfer von John ruft: „Dorsal fin on 7 o’clock“. Sofort wendet das Boot. Alles hält Ausschau nach der Rückenflosse eines Buckelwales. Kurz darauf entdecken wir ein untrügliches Zeichen: den Blas. Doch als wir näherkommen, sehen wir, dass die Wasserdampffontäne gar nicht von Bartenwalen stammen.

Es ist ein Orca, diese wunderbaren, intelligenten Geschöpfe, denen man mit ihrem Zweitnamen Killerwal so furchtbar unrecht tut. Es dauert nicht lange und wir entdecken, dass hier eine ganze Familie der Meeressäuger unterwegs ist. Organisiert in einer Kette von fünf Tieren patroullieren sie die Seestraße zwischen den Inseln auf ganzer Breite. Das Teleobjektiv ist dieses Mal griffbereit und bei mir kommt das Jagdfieber auf. Nach etlichen Aufnahmen müssen wir dann doch zurück zu unserer Unterkunft. Es wird langsam dunkel.

Der nächste Morgen wartet mit viel Wind auf. So sagt zumindest John. Wir selber kriegen davon kaum etwas mit. Das Browning Pass Hideaway liegt so geschützt, dass das Wasser spiegelglatt wirkt. Trotzdem passen wir unseren Tauchplan an. Wir werden nicht auf den Browning Pass hinausfahren. Das macht aber nichts. Es gibt genug Tauchplätze in der Nähe, die windgeschützt sind. Erst aber widmen wir uns einem reichhaltigen kanadischen Frühstück mit Pancakes, Bacon und natürlich viel, viel Ahornsirup. Danach die Vorbereitung, die schon fast zur Routine geworden ist: Kamera vorbereiten, mehrere Schichten Unterwäsche und anschließend in den Trockentauchanzug. Gut, dass das Tauchboot direkt vor unserem Zimmer anlegt!

Heute habe ich mir Makroaufnahmen vorgenommen. Die Entscheidung fällt gar nicht so leicht. Neben dem gewaltigen Kelp, Anemonen und Seefedern locken riesige Quallen und verschiedene Klippbarscharten. Außerdem kann es jederzeit sein, dass eine Robbe oder ein Seelöwe sich ein Stelldichein geben. Aber trotzdem: Neben diversen Nacktschnecken finden sich überall die verschiedensten Kreaturen, die ich alle so gerne ins rechte Licht rücken möchte. Darum gehen neben Makroobjektiv und Planport auch noch Snoot und Achromat mit aufs Boot. Ein Sklavenblitz darf natürlich auch nicht fehlen.

Kaum sind wir an unserem Tauchplatz angekommen, sehen wir, dass John recht hatte. Auf der offenen See sind ordentliche Wellen zu sehen. Das wäre keine angenehme Ausfahrt geworden. Hier aber ist alles einfach. So springe ich mit all meinem Equipment in die Smaragdsee. Der Untergrund ist felsig. Es dauert auch nicht lange, und ich finde die ersten Makromotive. Meine Objektivauswahl war also goldrichtig. Hoffentlich kommt jetzt kein Riesenoktopus um die Ecke. Wundern würde es mich nicht!

Nach einer knappen Stunde will ich auftauchen. Wir sind kaum  50 Meter weit gekommen. So viele Motive finden wir auf kleinem Raum. Da unsere anderen Mittaucher etwas mehr Strecke gemacht haben, nehmen uns noch etwas Zeit, ins“ Blau“-Wasser zu schauen. Bis John uns mit dem Boot aufsammelt, bleibt noch Zeit für die ein oder andere Aufnahme nahe an der Oberfläche. Auch hier wimmelt es nur so von Leben: Krebschen, Fische und Quallen schweben nahe an unseren Masken und Objektiven vorbei.

Die Tage gehen schnell vorbei, viel zu schnell. Immer noch nicht haben wir einen Pazifischen Riesenoktopus gefunden. Langsam zweifel ich, ob es sich dabei nicht doch um eine Legende handelt. Aber wir geben nicht auf. Wie sollten wir auch? Immer wieder zieht es uns ins Wasser, der Kälte und den Wellen zum Trotz. Und es ist, wie es immer ist: Wenn man am wenigsten damit rechnet, klappt es endlich. Eigentlich wollten wir Melibe leonina oder Tethydidae  fotografieren. Das sind Nacktschnecken mit großem Kopf, dessen Schleierflossen die Tiere ein wenig wie Dumbo den Elefanten aussehen lassen. Einmal im Jahr treten sie hier in einzelnen Buchten in großen Massen auf und pflanzen sich im Kelp fort.

Nachdem dieser Herzenswunsch meiner lebenslangen Reisebegleitung in Erfüllung gegangen ist, tauche ich noch ein wenig an einem schönen anemonenbewachsenen Abschnitt. Ich tauche um eine Ecken und dann sitzt er dort. Als hätte auf mich gewartet. Er hat sich nicht in einer Spalte verkrochen. Nein, er sitzt auf einigen geknackten Muscheln, scheint gerade sein Mal beendet zu haben. Ob er mich wohl schon hat kommen sehen? Ich nähere mich vorsichtig und mache meine Kamera bereit. Jetzt bloß keine hektische Bewegung. Mit seinem Rückstoßorgan kann sich ein Oktopus in Windeseile zurückziehen – zusätzlich noch eine große Tintenwolke und ich könnte meine Aufnahmen vergessen.

Aber ich habe Glück. Zwar beäugt mich der Kraken misstrauisch. Aber er verlässt seinen Fressplatz nicht. Seine Haut wirft er warzig auf. Das ist ein deutliches Zeichen, dass sich das Tier nicht wohl fühlt. Also beeile ich mich. Die Blitze richtig ausrichten, Belichtung einstellen und eine kurze Serie schießen. Dann ziehe ich mich wieder zurück. Der Achtfüßler entspannt sich sichtlich. Also nähere ich mich wieder vorsichtig. Ein paar Aufnahmen lässt er wieder zu. Dann trete ich erneut den taktischen Rückzug an. Noch einmal darf ich mich nähern. Mittlerweile hat der Kopffüßler wohl die Nase voll. Er weicht vorsichtig zur Seite aus. Noch ein paar Zentimeter und dann schwimmt er mit erstaunlicher Geschwindigkeit weg. Zufrieden lasse ich ihn ziehen.

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