15. November 2018
Crystal River, Florida. Das versprach kristallklares Wasser im Sunshine State mit seinen bekanntesten Meeresbewohnern: Manatees, seegrasfressende Meeressäuger, bei denen meiner ewigen Reisebegleitung sofort Begriffe wie „süß“ oder „knuddelig“ über die Lippen kamen. Und in der Tat: zusammen mit abertausenden Touristen jedes Jahr fuhren auch wir in dieses US-amerikanische Städtchen, um mit denen schon aus der griechischen Mythologie bekannten Verwandten der Elefanten auf Tuchfühlung zu gehen. Nirgendwo anders ist es in den USA erlaubt, die Tiere direkt im Wasser zu beobachten.
Manatee in Sunbeams
Manatee, Crystal River, Florida, USA, Photo by PanOceanPhoto

Die Reise startete mit für unsere Verhältnisse leichtem Gepäck: Schnorchel, Flossen, Maske, Tauchanzug. Keine Lungenautomaten, keine Jacketts! Auch im Handgepäck lediglich die Kamera mit Domeport und Gehäuse. Blitze, Stative und Snoots bleiben dieses Mal zu Hause. Mehr brauchen wir nicht. Für all die anderen sehenswerten Tauchspots im tropische Zipfel der Vereinigten Staaten wird keine Zeit bleiben. Dann halt ein anderes Mal!

Ein Stadt prägt die Natur

Die Stadt Crystal River liegt gut zwei Autostunden vom Internationalen Airport Orlando entfernt. Ihren Namen hat sie von einem nur ein paar Meilen langen Fluss, der sich aus einigen Frischwasserquellen speist und dann in den Golf von Mexiko fließt. Hauptattraktion sind ganz ohne Zweifel die Manatees, die hier ihr Winterquartier beziehen. Auf der Flucht vor den kalten Temperaturen in offenen Ozean verbringen sie hier mehrere Monate. Die perfekte Möglichkeit für uns, mit diesen friedlichen Kreaturen auf Tuchfühlung zu gehen.

Als wir die Stadtgrenze passierten, staunten wir nicht schlecht: An jeder Ecke bieten die verschiedensten Unternehmen Schnorcheltouren zu den Manatees an. Big Business, perfekt durchorganisiert. Auch wir melden uns für den nächsten Tag bei einem größeren Anbieter an. Dabei hatten wir noch Glück: je nach Saison und Wochentag muss man weit im Voraus vorbuchen. Uns aber wird ein Platz auf einer Spättour versprochen.

Es bleibt also Zeit genug, die Stadt und Umgebung zu erkunden. Hier soll sich also ein solch bekanntes Naturschauspiel beobachten lassen. Der Flussverlauf scheint komplett begradigt zu sein. Im Seniorenstaat Florida ist jeder Flussmeter mit Haus und Bootsanlegestelle verbaut. Stichkanäle schaffen zusätzlich noch einmal gut verkäuflichen Immobilienbesitz. Der Wettstreit zwischen Naturschutz und Kommerz ist hier mit den Händen zu greifen.

Am nächsten Morgen wurden wir zunächst in eine Art Schulungsraum geführt. Gut eine halbe Stunde lang erklärte man uns die verschiedenen Vorschriften und Richtlinien rund um die Begegnung mit Manatees.  Die gesetzlich vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen sind zu Recht sehr streng und – auch das muss man zugeben – machen uns Fotografen das Leben recht schwer: Absolutes Blitzverbot, kein Gerätetauchen, nicht einmal Freitauchen wird geduldet. Die Schnorchelspitze muss immer aus dem Wasser schauen, Blei ist tabu, das Anfassen, Verfolgen oder Bedrängen der friedlichen Vollzeitvegetarier selbstverständlich auch. Das englische Schlagwort lautet „passive observation“ und beschreibt gut, um was es geht: den Manatees die Entscheidung lassen, ob und wie sie Kontakt zu den Menschen suchen.

Trübe Aussichten

Dann endlich ging es raus aufs Wasser. In den für die Gegend typischen Flachbodenbooten fuhren wir in Richtung Three Sisters Springs. Die meiste Zeit war Schritttempo vorgeschrieben – zum Schutz der Seekühe. Endlich am Ziel angekommen merkten wir schnell, dass wir nicht alleine waren. Gut ein Dutzend Boote tummelte sich rund um ein abgesperrtes Schutzgebiet.

Ausgestattet mit Nassanzug (5mm waren mir nicht zu warm, nein, überhaupt nicht), Maske und Flossen geht es los. Gut, Flossen sind nicht unbedingt zwingend, doch dann muss man mit einer Schwimmnudel als Auftriebskörper ins Wasser. Und mal ganz ehrlich, als ach so erfahrener Unterwasserfotograf mit etlichen Tauchgängen auf dem Buckel, nein, das schien mir dann doch etwas würdelos. Nach einer kurzen Wiederholung der wichtigsten Schutzvorschriften durften wir dann endlich mit Kamera ins Wasser.

Kurz stockte mir der Atem. Sichtweiten wie im Baggerloch zu Hause um die Ecke. Keine zwei Meter! Während das eigentliche Ziel der Manatees, die warmen Süßwasserquellen des Crystal Rivers, in der Tat mit wunderbaren Sichten aufwartet, ist der Rest des Flusses je nach Gezeitenstand eine recht undurchsichtige Mischung aus Salz und Süßwasser. Also brackigstes Brackwasser. Und das im sogenannten Crystal River! Auch an den Trennleinen zur Schutzzone war kaum weiter als eine Körperlänge etwas zu sehen. Also schnorchelte ich eine Weile vor mich hin.

Begegnungen im Wasser

Im trüben Wasser sah ich dann plötzlichen einen massigen Schatten unter mir. Meine erste echte Meerjungfrau! Aus irgendeinem, mir nicht nachvollziehbaren Grund, werden diese wenig taillierten, mit Elefanten biologisch eng verwandten Tiere mit leichtbekleideten Damen aus Seemannslegenden gleichgestellt. In Wahrheit sah ich mich einer verschrumpelten, mit nur winzigen Augen ausgestatteten Fressmaschine gegenüber. Ohne Unterlass versuchen sie mit ihrem riesigen Maul das letzte bisschen pflanzliche Grün vom Meeresgrund abzugrasen.

Fotografisch besonders interessant waren für mich die Begegnungen im Freiwasser. Die Wasseroberfläche bot wunderbare Spiegelbilder. Die Sonne verwandelte das trübe Wasser in eine türkisgrüne Welt tanzender Lichtstrahlen. Wie wunderbar neugierig und gleichzeitig geduldig diese Tiere doch sind! Langsam schwimmen sie auf Dich zu, kommen Dir nahe, drehen sich auf den Rücken und wollen bewundert werden. Von meinem Kameramonstrum lassen sie sich Gott sei Dank nicht beeindrucken.

Es blieb mir gut über eine Stunde Zeit, um meine Aufnahmen zu machen. Dabei hatte ich das große Glück, ein Muttertier beim Säugen beobachten zu können. Ihre Zitzen haben die weiblichen Manatee unterhalb ihrer Seitenflossen. Es gibt in der Natur wirklich nichts, was es nicht gibt!

Das Wasser verließ ich mit einem Gefühl von großer Ruhe und Entspanntheit. Seekühe haben ihren ganz eigenen Rhythmus. Ihr scheinbarer Gleichmut und ihre Ruhe übertragen sich leicht. Doch die Realität holte mich schnell wieder ein. Um mich herum tummelten sich gut ein halbes Dutzend Touristenboote.

Für mich ist das ein ungewohntes Bild. Auf vielen meiner Reisen bin ich an sehr abgelegenen Plätzen und vermeide größeren Rummel. Nicht aber hier. Hier paart sich Tourismus mit sehr streng praktiziertem Naturschutz. Wie viele Destinationen zukünftig wohl den gleichen Weg nehmen?

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