15. November 2018
Was für eine Aussicht! Die Sonne scheint und wir sitzen für unsere Überfahrt auf dem Oberdeck. Rechts und links von uns präsentieren sich die bewaldeten Klippen des Alberni Inlets. Knapp zwei Stunden können wir den Ausblick auf diesen Meeresarm am Barclay Sound auf Vancouver Island genießen. Dann erreichen wir unser Ziel: Das Rendezvous, ein traumhaft hübsch gelegenes Tauchresort, das von Peter Mieras und Kathy Johnson betrieben wird.

Die nächsten fünf Tage wollen wir außergewöhnliche Fische finden. Die meisten Haiarten besitzen fünf Kiemen. Hier aber soll es eine Besonderheit der Evolution geben: den 6-Kiemen-Hai. In Südafrika hatte ich bereits die Möglichkeit, mit 7-Kiemen-Haien zu tauchen und sie zu fotografieren. Für einen Fotografen hört es sich zugegeben nicht besonders spannend an, ob ein Tier über einen Schlitz mehr oder weniger an seinen Seiten verfügt, durch die es Sauerstoff aus dem Wasser filtern kann. Klar, dem meeresbiologisch interessierten Taucher in mir kann das etwas Begeisterung abringen. Aber wird fotografisch mehr dabei herausspringen als die reine Dokumentation der Begegnung mit einem leider sehr selten gewordenen Fisch?

Wir sind Teil der Shark-Survey-Week, die das Rendezvous zusammen mit der Pacific-Rim-National-Park-Verwaltung jährlich veranstaltet. Die Meeresbiologin Jennifer Yakimishyn begleitet uns und versorgt uns mit wissenschaftlichen Informationen über die in British Columbia vorkommenden Haie. Es ist immer gut, über den Lebensraum und die Verhaltensweisen seiner Fotomotive Bescheid zu wissen. Das erleichtert die Begegnung und die Interaktion mit ihnen ungemein.

Auf der Suche nach der sechsten Kieme

Die nächsten Tage tauchen wir also an den verschiedensten Spots, an denen in den letzten Jahren immer mal wieder ein Hai gesichtet wurde. Unsere Hoffnung ist allerdings nicht allzu hoch. Jennifer hatte uns die traurige Geschichte der Haijagd in Kanada erzählt. Wie überall auf der Welt sind sie Opfer von tief verwurzelten Urängsten, sportlichem Ehrgeiz und ökonomischen Interessen geworden. Sogar Fangprämien hat man in vergangenen Jahrzehnten ausgelobt.

Einst war der Barkley Sound auch Heimat der Riesenhaie. Da sie aber angeblich die Berufsschifffahrt behinderten, wurden sie aktiv dezimiert: Schwertartige Riesenklingen wurde unter den Bug der Hafenschiffe montiert und die bis zu sieben Meter langen Planktonfresser beim Überfahren entzwei geschnitten. Seitdem gilt die Gegend um Vancouver Island als weitestgehend „haifrei“.

Ich kriege den Irrsinn menschlichen Handelns kaum aus meinen Gedanken, als ich durch das smaragdfarbende Wasser schwebe. Fisch gibt es hier noch reichlich, außerdem wunderbare Anemonen, Nacktschnecken und imposante Quallen. Diese lassen wir aber zunächst links liegen. Wir wollen etwas tiefer über eine freie Geröllfläche tauchen. Hier soll ein guter Platz sein, hat uns Peter gesagt. Voller Stolz hatte er uns seine Videoaufnahmen von der Begegnung mit gleich zwei 6-Kiemen-Haien gezeigt. Wir bleiben, solange es die Nullzeit und der Luftverbrauch es zulassen.

Dann machen wir uns zurück zu den bunt bewachsenen Felsen unseres Tauchplatzes. Ich habe mein 24-Millimeter-Weitwinkelobjektiv dabei und nutze die Gelegenheit, den grünen Zauber der Smaragdsee einzufangen. Die weißen und orangen Anemonen bieten einen perfekten farblichen Kontrast zum satten Grün des Wassers. Besonders froh bin ich, dass ich meinen Weitwinkel-Snoot für meinen Blitz dabeihabe. Mit etwas Glück kann ich so mein Motiv selektiv anstrahlen, und es wird vollständig von Grün umhüllt – ohne seine Farbigkeit zu verlieren.

Zurück auf dem Boot ist die Suche nach den 6-Kiemen-Haien sofort Thema: „Habt ihr ein Exemplar gesehen?“ „Nein, Ihr?“ „Nein, wir auch nicht.“ Wenigstens habe ich die Tiere nicht einfach übersehen, als ich mich mit den Anemonen befasst hatte. Sie sind schlicht nicht dagewesen. Es bleiben ja noch einige Tage. Niemand gibt die Hoffnung auf.

Wir sitzen wieder auf dem Oberdeck und sind tief beeindruckt von der uns umgebenden Natur. Meterhohe Felswände mit zum Teil sehr alten Bäumen, dazu das Meer, welches sich manches Mal eit öffnet und dann wieder eng wie ein Fluss von den Fjorden begrenzt wird. Dazwischen entdecken wir immer wieder kanadische Wochenendhäuser, die sich an die Küste schmiegen. Einige von ihnen schwimmen auch im Wasser. Auch scheint es fast so, als hätte jeder Einwohner von Vancouver Island sein eigenes Boot.

Peter holt uns zurück ins Hier und Jetzt. Der nächste Tauchgang steht an. Wir springen ins Wasser und schwimmen zur Ankerkette. Die brauchen wir zur Orientierung, denn das Oberflächenwasser ist so dermaßen trübe, dass wir kaum drei Meter weit sehen können. Doch weiter unten klart es auf. Das Licht ist schwach und diffus, die Stimmung wird mystisch. Wir hoffen weiter, dass ein 6-Kiemen-Hai gemächlich um die nächste Ecke kommt. Doch er lässt sich weiterhin nicht blicken. Langsam glaube ich, wir jagen einen Geist. Ob es die Haie hier überhaupt noch gibt?

Langsam bekommen wir unsere ganz eigene Routine: Erst suchen wir unsere Haie, dann widmen wir uns den anderen Fotomotiven. Dieses Mal entdecken wir eine XXQualle, die in die Fänge einer Anemone geraten ist. Da sie ihre Tentakel nicht befreien kann, bleibt uns reichlich Zeit für einige Aufnahmen. Auch wenn es für uns Menschen auf den ersten Blick gar nicht so aussieht: Wir werden hier Zeuge des ewigen Spiels der Natur von Fressen und Gefressen-Werden. Zwei Tiere, die anmuten wie Wesen von einer anderen Welt, kämpfen hier ums Überleben. Und wir erfreuen uns an ihrer ganz eigenen Ästhetik. Wie anders würden wir doch reagieren, wenn ein großer mit Zähnen bewaffneter Meeresfisch ein flauschiges Robbenbaby attackieren würde.

Oberflächenpausen sind etwas Geniales. Es gibt heiße Suppe und Kekse. Kathy ist eine begeisterte Köchin, die uns niemals mit hungrigem Magen tauchen lässt, Peter ein umsichtiger Kapitän, der uns in ruhige Gewässer fährt, damit wir heißen Kaffee und Kakao genießen können. So umsorgt lässt es sich gut aushalten.

Aufgewärmt und gut genährt geht es wieder zurück ins Wasser. Unser Plan ist wieder der gleiche: mindestens einen 6-Kiemen-Hai vor die Linse bekommen. Erneut tauchen wir etwas ins Freie und lassen unseren Blick schweifen. Doch von einem mehrere Meter großen Knorpelfisch ist weit und breit nichts zu sehen. Dafür sehen wir etwas anderes in Bodennähe vorbeihuschen: ein etwa 30 Zentimeter langer Fisch mit langen, fast durchsichtigen Flossen. Seine Augen sind ungewöhnlich groß. Seine „Nase“ läuft vorne rundlich zu. Die Schuppen sind leicht bräunlich mit weiß-silbrigen Flecken.

Ein Geist, den sie auch Drachen oder Ratte nennen

Es ist eine Chimäre. Dieser urzeitliche Fisch bildet zusammen mit den Haien und Rochen die Klasse der Knorpelfische. Diese Verwandtschaft hat ihm den Namen Geisterhai eingebrockt. Das kann allerdings auch an der Durchsichtigkeit seiner Flossen liegen oder daran, dass er in atlantischen Gewässern meist nur in sehr großen Tiefen vorkommt. . Ihre anderen Bezeichnungen sind auch nicht gerade schmeichelhaft: Seeraten, Seekatze oder Seedrachen. Mich begeistern diese Geschöpfe, die unseren Planeten schon so lange bevölkern. Was ist es doch für ein großes Glück, dass ich ihnen hier in ihrem natürlichen Zuhause begegnen kann.

Schnell muss ich umdenken. Wie fotografiere ich jetzt? Mein Weitwinkel passt halbwegs. Allzu nahe lässt mich die Chimäre nicht an sich heran. Mit meiner Blitzstärke muss ich jetzt auch aufpassen. Die Schuppenoberfläche ist stark reflektierend. Also muss ich die richtige Menge Licht finden, damit das Motiv nicht stark überbelichtet erscheint. Trotzdem soll es genug sein, damit das Licht auch durch die Extremitäten dringt. Einen Fisch, durch den man fast durchschauen kann, das möchte ich später auch auf meinen Fotos sehen können.

Voller Begeisterung erzähle ich auf dem Boot von der Begegnung mit den Geisterhaien. Peter, der die Gegend kennt wie seine Westentasche, zeigt sich wenig überrascht. Chimären sind hier nicht selten. Für mich als Europäer ist das verwunderlich. Im Atlantik leben sie vor allem in der Tiefsee. Einzig in einigen norwegischen Fjorden werden sie von der Tiefenströmung schon einmal in den Flachbereich mitgerissen. Dort kann man sie dann mit etwas Glück während Nachttauchgängen entdecken. Einfach ist das aber nicht.

Den Tag lassen wir auf der Terrasse des Rendezvous ausklingen. „Irgendwie war das wie eine Geisterjagd“, meint einer der Mitreisenden: „Du suchst nach etwas, das gar nicht da ist. Dabei verlierst Du aus dem Auge, das Du in den uralten Schlössern und Burgen mit all ihrer Schönheit unterwegs bist. Erst wenn Du den Geist aus Deinem Kopf bekommst, kannst Du die Zeit so richtig genießen.“ Ich lehne mich zurück und erinnern mich, dass ich meine Geister gefunden habe, nicht die erwarteten, dafür aber andere, nicht minder interessante. Mein Blick schweift über den Barclay Sound. Die Sonne wärmt mich und ich habe wieder das gleiche Gefühl wie bei der Anreise: Welche eine Aussicht!

Add comment

Newsletter

Erhalte gelegentlich Hinweise auf neue Artikel, Workshops, Trips oder ähnliches. / Receive occasionally information about new articles, workshops, trips or similar.

Kategorien

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Akzeptieren