18. Februar 2018
Ein Ort, an dem noch nie vorher jemand gewesen ist, eine biologisches Phänomen, das bis jetzt noch kaum erforscht wurde, und eine Gegend, auf die der Massentourismus noch keinen Einfluss hatte. Hört sich das nicht nach einem echten Traum für Unterwasserfotografen an? Als mir meine Höhlentauch-Instruktorin in Playa del Carmen davon erzählte, brauchte es kaum fünf Sekunden, bis ich Feuer und Flamme war.

Während die Karibikküste Kolumbiens sich seit einiger Zeit bei Südamerikatouristen einer wachsenden Beliebtheit erfreut, ist die pazifische Seite des lateinamerikanischen Landes bislang kaum erschlossen und grenzt an ein für Taucher fast unberührtes Stück Ozean. Und das, obwohl hier einmal jährlich ein gewaltiges Naturschauspiel zu bewundern ist. Eine Sardinenwanderung, die große Schwärme dieser kleinen Fische direkt an die Küste führt. Ähnlich wie der weltweit bekannte Sardine Run in Südafrika zieht auch diese hohe Konzentration von Biomasse zahlreiche Jäger an. Im Gegensatz zum südafrikanischen Pendant sind hier allerdings Bonitos und nicht so sehr Haie und Delfine die Gäste am reichlich gedeckten Buffet.

Die erste Planung für die Anreise hört sich irgendwie abenteuerlich an: Flug über Amsterdam nach Panama City, dort Weiterflug nach Medellín , der berüchtigten Drogenhauptstadt von Pablo Escobar. Dann mit einer kleinen Propellermaschine quer über den kolumbianischen Urwald zu einem mir vollkommen unbekannten Flughafen namens Nuquí.

Wie groß war meine Überraschung, als ich in Medellín ankam. Eine moderne Stadt in der Größe Münchens mit komfortablen Hotels und einem reichhaltigen kulturellen Angebot erwartete mich. Die Zeiten, in denen die Drogen-Mafia Medellín fest im Griff hatte, liegen mittlerweile über 20 Jahre zurück. Geblieben ist ein Escobar-Museum sowie Stadtführungen an die einstigen Villen des größenwahnsinnigen Heroin-Fürsten. Grusel verkauft sich halt gut – auch und insbesondere, wenn er einen realen Hintergrund hat. Und nichts hält sich bekanntlich so gut, wie ein gut gepflegtes Vorurteil.

Am nächsten Morgen ging es dann zum nationalem Flughafen in der Mitte der Stadt. Langsam schraubten wir uns mit einer Propeller-Maschine russischer Bauart in den Himmel. Medellín liegt mitten in den Bergen, umgeben von Regenwald. Zwei Stunden später landeten wir auf dem Flughafen, oder sollte ich lieber sagen Rollfeld, von Nuquí. Ein kurzer Fußweg zur örtlichen Anlegestelle und hier erwartete uns ein Lancha, eines dieser Boote, mit denen in Lateinamerika so ziemlich alles übers Wasser bewegt wird. Vorbei an einer Militärkontrollstelle – der Friedensschluss im kolumbianischen Bürgerkrieg war damals noch ein paar Monate entfernt – und dann ging es die Küste entlang zu unserer Unterkunft. Eine Tauchbasis mitten im Nichts. Auf der einen Seite Regenwald, auf der anderen der Pazifische Ozean, dazwischen ein schmaler Streifen Strand.

Mitten im Nichts

Tauchen an solch abgelegenen Ort bedeutet vor allem „Safety first“. Wenn das nächste Überdruckbehandlungszentrum zwei Stunden Flug entfernt ist und auch noch auf 1500 Meter Höhe liegt, hat man keine Druckkammer. Dekokrankheit ist hier einfach keine Option. Deshalb teste ich dieses Mal die Grenzen meines Tauchcomputers nicht aus. Sonst schon mal ganz gerne, wenn das Motiv mich dazu verleitet. Hier aber nicht.

Während wir die ersten zwei Tage bei strömendem Regen damit verbrachten, nach den Sardinenschwärmen zu suchen, hatten wir ab dem dritten Tag mehr Glück. Wir mussten erst einmal verstehen, dass hier die Seevögel nicht wie in Südafrika durch geschäftige Aktivität verrieten, wo gerade ein Baitball unter der Wasseroberfläche aktiv war. Nein, hier saßen die Pelikane einfach faul auf der Wasseroberfläche, hielten ihren Schnabel ins Wasser und gönnten sich scheinbar einfach einen guten Bissen. Nur mit Schnorchel, Maske, Flossen und Blei ausgerüstet konnte also unsere Fotojagd beginnen.

Überrascht war ich von der Färbung des Wassers. So nahe am Äquator vermutete ich eher ein klares Tiefblau. So nah am Regenwald wird viel organisches Material eingeschwemmt. Küstennah war die Sicht deshalb teilweise sehr trübe. Nach zirka einer halben Seemeile aber klarte der Ozean auf und hatte eine wunderbare aquamarine bis grünliche Farbe. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Unterwasser erwartete uns ein sehr kompakter Ball aus pazifischen Sardinen. Sie drehen sich in enormer Geschwindigkeit um sich selbst. Irgend jemand oder irgendetwas muss sie also jagen, sprich sie an die Wasseroberfläche treiben, um sie dort besser fressen zu können. Ich schaute mich um. Keine Delfine wie in Südafrika, keine Segelfische wie in Mexiko, keine Haie. Also nehme ich einen tiefen Atemzug und tauche ab. Auf zirka zehn Metern sah ich sie dann: Bonitos. Das ist eine relativ häufig vorkommende biologische Art, die zur Familie der Makrelen und Thunfische gehört. Sie sind weder durch ihr Aussehen noch ihre Größe besonders imposant. Dafür beeindrucken sie durch Geschwindigkeit. Immer wieder hämmern sie von unten in den Sardinenschwarm.

Mich als Fotografen begeistert die wunderbare Formation, die der Sardinenschwarm hält. Fast geometrisch perfekt ist manchmal die Kugelform, die sie bilden. Da die Bonitos ausschließlich von unten angreifen, zerstören sie das Gebilde auch nicht, sondern halten es in Form. Das ist zwar deutlich weniger Action als jagende Seidenhaie oder Brydewale, die einen Sardinenschwarm schon mal gerne mit ihrem riesigen Maul durchfahren. Dafür bleibt mir jede Menge Zeit, meine Aufnahmen zu machen. Filmemacher und Videographen werden möglicherweise mit dem Sardine Run in Südafrika glücklicher.  Als Fotograf ist dies genau der Ort, an dem ich seien möchte.

Drei Tage lange noch hatten wir das Glück, jeden Tag mehrere Stunden mit den Sardinen verbringen zu können. Zu besonders schönen Ergebnissen kamen wir, sobald die Sonne sich herauswagt. Das ist zwar nie für lange der Fall. Aber dann wissen wir das tolle Lichtspiel noch besser zu schätzen.

Doch auch an Land hatte dieser Küstenabschnitt einiges für mich zu bieten. Vor allem Ruhe und Abgeschiedenheit. Keine Verkehrsgeräusche, kein Telefon, kein Internet. Nur ab und zu durchschnitt der Lärm von Kompressor oder Generator die Geräuschkulisse von Meer und Dschungel. Wie viel man sich doch mit seinen Mitreisenden unterhalten kann, wenn man mit dem Kopf und dem Herzen ganz vor Ort ist und nicht in irgendeinem Netz.

Doch auch die beste Zeit geht irgendwann einmal vorbei. So trocknen wir unsere Tauchsachen am letzten Tag. Eine wunderbare Gelegenheit, den Regenwald zu erkunden. Eine Kanufahrt und der Besuch einer heißen Quelle verkürzen uns die Zeit. Eine besonders harte Zeit hatte allerdings meine Kameraausrüstung. Ein Regenwald heißt nicht umsonst Regenwald. Sintflutartige Wolkenbrüche standen an der Tagesordnung. Kam einmal die Sonne heraus, stieg sofort Wasserdampf vom nassen Boden empor und kroch in alle Winkel und Ritzen. Gut, dass meine Kamera sowieso zur Überholung musste.

Am letzten Tag wurden wir bei strömenden Regen  zurück zum Flugfeld gebracht. Die Niederschläge waren zeitweise so heftig, dass die Navigation auf unserem Motorboot schwer fiel. Gerade rechtzeitig schafften wir es noch. Mit vielen Eindrücken bereichert machten wir uns in der kleinen russischen Maschine  wieder zurück auf den Weg nach Medellín.

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